Ansprache 80 Jahre VVN-BdA NRW (Bochum) Dr. Ulrich Schneider, FIR
13. Oktober 2026
Bei der gemeinsamen Jubiläumsveranstaltung der VVN-BdA Kreisvereinigung Bochum und der Landesvereinigung NRW hielt Dr. Ulrich Schneider folgende Rede:
Als ihr mich gebeten habt, die Festansprache zu halten, war klar, dass ich kein Referat zur Geschichte halten werde, wie ich es bereits vor fünf Jahren getan habe. Außerdem habt ihr mit der großartigen Dokumentation zu Geschichte der Landesvereinigung ein so umfängliches Material zusammengetragen, dass ich wenig Neues dazu beitragen könnte. Zudem wird Günter Gleising in einem kursorischen Überblick Aspekte eurer Geschichte nachzeichnen.
Daher möchte ich meinen Fokus in meiner heutigen Ansprache auf die vor uns stehenden Herausforderungen legen, und zwar nicht bezogen auf die tagespolitischen Aufgaben, sondern auf die Themen, die die Arbeit unserer Organisation in den kommenden Jahren bestimmen werden. Dass ich dabei auch an historischen Rückblicken nicht vorbeikomme, dürfte euch nicht überraschen.
Mein Ausgangspunkt ist, was eigentlich das „Alleinstellungsmerkmal“ der VVN ausmacht. Ihr wisst so gut wie ich – und viele leben das auch in ihrer politischen Arbeit – dass es nicht nur die VVN-BdA gibt, die gesellschaftlich gegen Rechtsentwicklung, Neofaschismus und für Frieden eintritt. So erinnern sich große Teile des DGB und seiner Einzelgewerkschaften deutlich klarer an die historischen Wurzeln der Gewerkschaftsbewegung nach der Zerschlagung der NS-Barbarei und die dort formulierten Grundlagen der Einheitsgewerkschaft – als Konsequenz aus der Niederlage der Arbeiterorganisationen, die gespalten agierten am Ende der Weimarer Republik.
Dennoch bleibt eine Organisation wie die VVN-BdA weiterhin unverzichtbar, ist sie doch der organisationspolitische Ausdruck des Vermächtnisses der Überlebenden und der Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung. Sie sollte die Bewahrerin der politischen und gesellschaftlichen Werte, die im Rahmen des antifaschistisch-demokratischen Neubeginns entwickelt wurden, sein.
Ich erzähle euch nichts Neues, dass die Anfänge der VVN in allen vier Besatzungszonen – und damit auch im heutigen Territorium von NRW – in den regionalen antifaschistischen Komitees lag.
Wichtig als gemeinsame Grundlage für einen antifaschistisch-demokratischen Neubeginn waren den Frauen und Männern aus Widerstand und Verfolgung, aus dem Exil oder aus den Haftstätten, Vorstellungen, die nicht allein durch parteipolitische Forderungen geprägt waren, sondern Positionen enthielten, wie sie im „Schwur von Buchenwald“ und anderen Vermächtnissen der Überlebenden niedergelegt waren. Es ging darum, kein „Weiter so“ zuzulassen, sondern eine antifaschistisch-demokratischen Neugestaltung zu ermöglichen.
Die Komitees der Überlebenden stellten Anforderungen an eine demokratische Entwicklung, die sich nicht auf die Wiederzulassung von politischen Parteien beschränkten, sondern Forderungen nach gesellschaftlicher Kontrolle wirtschaftlicher Macht, nach Wohnung, Arbeit, Bildung und Absicherung des alltäglichen Lebens für alle, gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Armut und Not als Einfallstor für rechte Propaganda aufstellten. Es ging ihnen um eine sozial gerechte Gesellschaft, gegen Krieg und Faschismus, für wirkliche Demokratie.
Der besondere Charakter der VVN ergab sich aus ihrer Überparteilichkeit, die entstanden ist aus den gemeinsamen Erfahrungen der Verfolgung in den Lagern und Haftstätten, die sich auch ausdrückte in dem Aufbau von überparteilichen Widerstandszirkeln selbst in der Kriegszeit, von denen ich nur an Wilhelm Knöchel hier im Rheinland und Ruhrgebiet, an die Neubauer-Poser-Gruppe in Thüringen und Sachsen oder die Bästlein-Jacob-Abshagen-Widerstandsgruppe in Hamburg und Berlin exemplarisch erinnern möchte.
Diese Überparteilichkeit bedeutet nicht, dass nicht innerhalb der VVN Mitglieder der unterschiedlichen Parteien ihren Platz haben, zu denen selbstverständlich die Kommunisten – nicht zuletzt aufgrund ihres bedeutenden Anteils im antifaschistischen Widerstand – gehören, aber die VVN-BdA muss darauf achten, dass – bei aller Beziehungsnähe von Mitgliedern zu ihren jeweiligen Parteien – die VVN-BdA keinen zu engen Bezug zu einer Partei entwickelt. In der Organisation muss Platz sein für unterschiedliche gesellschaftspolitische Vorstellungen, solange sie sich auf die gemeinsamen Grundlagen beziehen können.
Ausgehend von dem Vermächtnis der Überlebenden muss der Zweiklang der politischen Botschaft des Jahres 1945 immer unsere gemeinsame Arbeit prägen: „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“
Ich muss in diesem Zusammenhang sicherlich nicht erläutern, welche Erfahrungen der Überlebenden in diese Kernbotschaften geflossen sind.
Die Losung im Kampf um die Bewahrung des Friedens. „Nie wieder Krieg!“ bedeutet dabei, sich für Entspannungspolitik, für Abrüstung und für die Beseitigung der Kriegsursachen einzusetzen. Krieg darf kein Mittel der politischen Konfliktlösung sein, Diplomatie und Dialog sind die Antworten, die es oftmals auch gegen die eigenen Regierungen durchzusetzen gilt. Dieser Grundsatz gilt – unabhängig davon, wie man die jeweiligen Kriege in der Welt einschätzt.
Nein, es ist kein Kriterium für Antifaschismus, dass man die Losung „Frieden mit Russland“ unterstützt, so richtig ich die darin enthaltene Aussage finde. Selbst die Losung „Freiheit für Palästina“ ist nur dann als gemeinsame Losung der VVN-BdA tragfähig, wenn sie sich auf die Vereinten Nationen – die Resolutionen des Sicherheitsrates und der Generalversammlung – bezieht. Selbstverständlich gibt es keine Rechtfertigung für Massenverbrechen, wie sie gegen die Menschen im Gaza-Streifen begangen werden, oder die Vertreibungspolitik in der Westbank.
Aber gemeinsame Grundlage antifaschistischer Orientierung kann in diesem Fall – wie im Fall aller anderen über 100 militärischen Konflikte weltweit – für uns, neben der Solidarität mit der Zivilbevölkerung in allen Kriegsregionen, die die Hauptleidtragenden dieser Konflikte sind – nur die Wiederherstellung und Wirksamkeit des Völkerrechts in den internationalen Beziehungen sein.
Aus den historischen Erfahrungen treten wir unter der Losung „Nie wieder Krieg!“ natürlich gegen alle Formen der Militarisierung, der Kriegsvorbereitung und Hochrüstung in unserem eigenen Land ein. Das ist eine Herausforderung, die uns noch viele Jahrzehnte begleiten wird. Es muss – auch von uns – deutlich gemacht werden, wie diese Aufrüstungspolitik durch die daraus folgenden Kürzungen bei den Sozialausgaben, im Bereich Gesundheit und Pflege oder im Bildungsbereich zur gesellschaftlichen Spaltung beiträgt. Der Kampf gegen die Hochrüstung ist damit nicht nur ein Handeln für Frieden, sondern auch für eine solidarische Gesellschaft, gegen soziale Spaltung und politische Ausgrenzungen.
Der Kampf gegen die soziale Spaltung ist auch ein wichtiger Baustein im Kampf gegen Rechtsentwicklung und die Zunahme der extremen Rechten. Den Überlebenden der Lager und Haftstätten war schon 1945 klar, dass soziale Ungleichheit und Abstiegsängste ein Nährboden war, für die Aufnahmebereitschaft bei weniger politisch erfahrenen Menschen aus dem Kleinbürgertum, und selbst der Arbeiterbewegung, für die Heilsversprechen und „Verlockungen“ extrem rechter Propaganda. Und im Sinne der Überlebenden bleibt die Losung „Nie wieder Faschismus!“ politische Verpflichtung für unsere Arbeit, also der Kampf gegen alle Formen des Wiedererstarkens extrem rechter Kräfte und Parteien, gegen neofaschistische Gewalt und jegliche Formen faschistischer Ideologie (z.B. Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Intoleranz und Autoritarismus).
Ohne jetzt ein eigenes Referat zur AfD halten zu wollen, ist es in meinem Verständnis unstrittig, dass die politische Arbeit der VVN gemeinsam mit anderen Kräften der Zivilgesellschaft sich vorrangig gegen diese „Speerspitze“ der Rechtsentwicklung richten muss.
Ich hoffe, niemand meint, mich jetzt davon überzeugen zu müssen, dass doch die Umsetzer und Initiatoren der Aufrüstung und aller sozialen Grausamkeiten nicht die AfD, sondern die gegenwärtigen Bundes- und Landesregierungen mit allen sie tragenden politischen Parteien sind. Natürlich ist die AfD noch (wie lange noch) nicht in der politischen Verantwortung für diese Maßnahmen. Aber ihre Propaganda, ihre Vorstöße und ihr Auftreten trägt dazu bei, dass diese Rechtsentwicklung ideologisch und politisch durchsetzbar wird, indem die AfD mit „Remigration“, mit der Denunziation von Menschen in Not, von angeblich nicht zur „Volksgemeinschaft“ zählenden Bevölkerungsgruppen oder von Menschen mit anderen Lebensvorstellungen genau diese Feindbild-Propaganda vorantreibt. Sie „versprechen“ ihren Wählenden eine „heile Welt von früher“, die sie selbstverständlich nicht schaffen können, und vertiefen damit die gesellschaftliche Spaltung.
In diesem Sinne haben wir aktuell – und zu befürchten – noch längere Zeit mit der Auseinandersetzung mit der AfD zu kämpfen. Ob wir uns für ein Verbot der AfD – aus durchaus überzeugenden verfassungsrechtlichen Gründen – einsetzen oder meinen, dass dieser Weg – angesichts der gesamtgesellschaftlichen Situation – entweder zu langwierig oder zu wenig erfolgreich ist, kann man strategisch debattieren. Unstrittig ist jedoch, dass es für uns – aus historischen Erfahrungen – keine Toleranz oder Akzeptanz für diese politische Partei geben kann. Unsere Aussage: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“ bleibt auch gegenüber der AfD richtig und notwendig. Wir sind daher gegen jede Form des „Gewöhnungsprozesses“, wie er selbst in den öffentlich-rechtlichen Medien praktiziert wird, Medien, die seitens der AfD am liebsten aufgelöst werden sollen, wenn man sie nicht übernehmen kann. In diesem Falle können wir z.B. aus den Erfahrungen in Ungarn oder Polen lernen, welche verheerenden Auswirkungen das auf den gesellschaftlichen Diskurs hat.
Eine andere Frage ist es, wie wir es schaffen, Menschen, die die AfD gewählt haben oder sich von deren Propaganda ansprechen lassen, für unsere antifaschistisch-demokratische Gesellschaftsperspektive zu gewinnen. Das ist m.E. nicht nur eine Frage von Argumenten, sondern realer gesellschaftlicher Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und Toleranz, gegen Militarisierung und Ausgrenzung, in die wir uns als VVN-BdA aktiv einbringen sollten.
Ich habe mein Referat mit Bezug auf das „Alleinstellungsmerkmal“ begonnen. Unser Alleinstellungsmerkmal ist auch, dass wir die Gedenk- und Erinnerungspolitik als Mahnung gegen das Wiederaufleben faschistischer Kräfte und Entwicklungen verstehen. Antifaschistische Erinnerungspolitik bedeutet für uns, sich für die Würdigung der Frauen und Männer aus dem antifaschistischen Kampf, die Verfolgten aus den verschiedenen Gründen einzusetzen, sie als Teil des gesellschaftlichen Narrativs zu bewahren.
Das sind wir der Gründergeneration der VVN schuldig, nachdem nun die Zeitzeugen selber uns nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich verstehe diese Arbeit auch als moralische Verpflichtung unserer Organisation, die wir an alle kommenden Generationen weitergeben müssen. Viele von uns haben Überlebende noch selber kennen gelernt, wurden in ihrer politischen Sozialisation von diesen Begegnungen geprägt, haben sich auch aufgrund dieser Erfahrungen für eine Mitgliedshaft in der VVN-BdA entschieden. Das kann bei den heutigen Generationen, die sich für die Mitarbeit in der VVN-BdA entscheiden, nicht mehr vorausgesetzt werden. Daher ist die Bewahrung der Erinnerung an die Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung, an die Orte und Erinnerungszeichen zum antifaschistischen Kampf eine dauernde Aufgabe in der Weitergabe des Wissens. Unsere Organisation hat dabei auch die Verpflichtung, dass die Befreiung und die Befreier von der nazistischen Barbarei ihre gesellschaftliche Anerkennung behalten.
Es ist – nicht allein durch die zeitliche Distanz – zunehmend herausfordernd, dieses historische Wissen weiterzugeben. Nicht nur durch die offene Rechte, auch durch ideologische Kampagnen bedingt, müssen wir gegen vielfältige Form von Geschichtsrevision, Relativierung und Rehabilitierung von NS-Verbrechen und deren Täter kämpfen, wie wir es in den vergangenen Jahren in zunehmenden Umfang registrieren müssen.
Ihr hier in NRW habt schon an mehreren Orten erfahren, dass frühere Präsentationen zu den Verantwortliche und Profiteuren der NS-Verbrechen „entsorgt“ wurden. Tatsächlich ist es mittlerweile auch ein „Alleinstellungsmerkmal“ der VVN in der Geschichtsarbeit, nicht nur die Opfer zu betrauern, sondern auch an die Täter, in deren Kontinuität zum Teil bis heute Krieg und Aufrüstung vorbereitet wird, zu benennen.
Diese Erinnerung ist eng verbunden mit unserer Arbeit mit den heutigen Generationen, denen wir versuchen, das politische Vermächtnis der Überlebenden und eine Wertschätzung für die Frauen und Männer aus dem antifaschistischen Kampf nahe zu bringen. Wir möchten sie unterstützen bei ihren Wegen der Aneignung der Geschichte und der Suche nach ihren Antworten für die Zukunft.
Nicht nur, weil ich als Generalsekretär der FIR zu euch spreche, möchte ich noch eine weitere Besonderheit der VVN-BdA – im Umfeld anderer sich antifaschistisch verstehender Gruppen und Kräfte – hervorheben. Die VVN ist seit der Gründung als Mitglied in der FIR Teil einer internationalen Gemeinschaft, der „Internationale des Antifaschismus“. Das bedeutet aber auch, dass wir bereit sein müssen, die große Heterogenität der politischen Vorstellung innerhalb der FIR auszuhalten. Genauso, wie die VVN selber eine Bündnisorganisation ist, ist auch die FIR eine überparteiliche Dachorganisation. Gegenüber kommenden Generationen ist es wichtig zu vermitteln, dass das Handeln gegen den Vormarsch gegen die extreme Rechte internationalistisch angelegt sein muss. Gleichzeitig aber auch, dass es in den jeweiligen Ländern unterschiedliche Kampferfahrungen und Handlungsoptionen gibt, die es innerhalb der FIR auszuhalten gilt. Natürlich tauschen wir uns dort darüber aus, aber es ist nicht angesagt, dass wir als VVN-BdA unsere strategischen Analysen und daraus abgeleiteten Handlungsformen den anderen Verbänden vorgeben wollen.
Unser Umgang miteinander kann nur – und das müssen wir auch immer wieder neu in der eigenen Organisation lernen – gleichberechtigt und solidarisch sein, aber das macht gerade den Wert und die Stärke der internationalen Verbundenheit aus.
Alles das gilt es in den kommenden Jahren zu bewahren und umzusetzen, wenn wir mit der VVN-BdA eine Zukunft auch für die kommenden Jahre und Jahrzehnte haben wollen. Dafür wünsche ich eurer Landesvereinigung Kraft, kreative Ideen und viele neue Mitstreiter.


