Vom Puddingprinz zum Brauereikönig

10. Juli 2018

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Abschied vom Puddingpulver-Nazi in Bielefeld

Richard Kaselowsky (1888-1944) war Oetker-Geschäftsführer und -Teilhaber sowie Stiefvater von Rudolf August Oetker. In der Nazizeit hatte er wirtschaftliche und politische Führungspositionen inne. Die Stadt Bielefeld hat nun weitgehend Schluß gemacht mit der Ehrung für Richard Kaselowsky. Dies war eine Forderung der Antifaschisten der Stadt seit Jahren. Gegen Proteste war einst ein Teil der Hochstraße nach seinem Stiefvater Oetkers, Kaselowsky, umbenannt worden, der bis 1944 die Oetkerwerke im Sinne der Nazi-Partei geführt hatte und Mitglied des Freundeskreises SS Heinrich Himmler war, für den er auch namhafte Summen spendete. Jetzt hatten die jahrelangen Proteste und Aktionen Erfolg, und die Straße wurde nach Beratungen in den städtischen Gremien in Hochstraße zurückbenannt. Dazu kam auch der Austausch der Tafel in der Kunsthalle, auf der ebenfalls der Name unter den „Opfern“ des Zweiten Weltkriegs erwähnt wurde. Kaselowsky war jedoch kein Opfer, sondern Täter.

Initiativgruppe Anti-Kaselowsky
Weitere Infos unter http://antikaselowsky.blogsport.de/
Siehe auch: www.verbrechen-der-wirtschaft.de/
Nachstehend eine Dokumentation der Initiativgruppe:

Presseerklärung aus Anlass des Austauschs der Gedenktafel in der Kunsthalle Bielefeld Mitte August 2017

Der Austausch der Gedenktafel, die in der Kunsthalle Bielefeld an Richard Kaselowsky erinnert, ist ein Meilenstein für die Kunsthalle Bielefeld. Er ist auch ein Meilenstein für die Bielefelder Bevölkerung und deren Erinnerungskultur. Und er ist natürlich ein Erfolg für alle Menschen, die sich seit 1968 gegen die Benennung der Kunsthalle nach Richard Kaselowsky und gegen das öffentliche Gedenken an ihn engagiert haben. Mit dem Austausch der Tafel geht zu Ende, was mit dem Anbringen und mit der Namensgebung immer wieder zu vielfältigen und phantasievollen Protestaktionen Anlass gegeben hatte. Als Teil dieser bürgerschaftlichen Protestbewegung veröffentlichen wir diese Erklärung.
Richard Kaselowsky, der Stiefvater Rudolf August Oetkers war Mitglied und Förderer der NSDAP und Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler“, einem Kreis von Industriellen, die Himmler und der SS zwischen 1 936 und 1944 jährlich mit ca. 1 Million Reichsmark spendeten. Das hielt den damaligen Oberbürgermeister und die Stadtratsmitglieder nicht davon ab, auf Wunsch Rudolf August Oetkers die Bielefelder Kunsthalle nach Kaselowsky zu benennen und ihn mit der Tafel im Eingangsbereich zu ehren:
„Den Opfern / des zweiten Weltkrieges / Unserer Stadt / Unter ihnen / Mein zweiter Vater / Richard Kaselowsky / Rudolf August Oetker”
Auf Wunsch des ehemaligen Mitglieds der Waffen-SS Rudolf August Oetker wurde so einer der nationalsozialistische Täter zu einem Opfer umgedeutet. Auf der alten Tafel sprach Oetker quasi als Hausherr und verfestigt damit bis heute die Legende, dass er den Bau der Stadt geschenkt habe. Tatsächlich finanzierte die Firma Oetker faktisch nicht mehr als etwa ein Drittel der Baukosten. Die Folgekosten tragen bis heute die Bürgerinnen und Bürger von Bielefeld, sie ist IHR kostbarer Besitz.
1998 erfolgt nach erneuten Protesten, die eine breite überregionale Öffentlichkeit fanden, die Umbenennung des Museums in „Kunsthalle Bielefeld“. Rudolf August Oetker zog daraufhin seine Leihgaben ab, die Gedenktafel blieb an ihrem Platz.
Angestoßen durch ein Flugblatt unserer Initiative zu den Nachtansichten vom 30. April 2016 fassten die Gremien der Stadt Bielefeld den Beschluss, die Gedenkplatte durch eine neue Tafel zu ersetzen:
„Im Gedenken der Opfer / des zweiten Weltkrieges / unserer Stadt / hat die Familie OETKER / den Bau dieser / Kunsthalle ermöglicht.“
Im Jahr 2001, drei Jahre nach der Umbenennung der Kunsthalle beschloss der Rat der Stadt unter Bürgermeister David aus Anlass des 85. Geburtstags von Rudolf August Oetker gegen erneute Proteste den Abschnitt der Hochstraße, an dem sich das Haus der Familie Kaselowsky befunden hatte, in Kaselowskystraße umzubenennen und so den Namen Kaselowsky wieder im öffentlichen Stadtraum sichtbar zu machen.
Nach dem Beschluss der politischen Gremien heißt die Kaselowskystraße seit dem 31. Januar 2017 wieder Hochstraße.
Die Ehrung und der Name von Richard Kaselowsky sind nun aus dem Bielefelder Stadtbild verschwunden. Wir freuen uns
riesig über diesen Erfolg und danken allen Beteiligten. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass die Geschichte des Baus, der Namensgebung und der Umbenennungen in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv dokumentiert und für alle Interessierten vor Ort zugänglich gemacht wird.
Die Kunsthalle mit der neuen Tafel ist nach der Sommerpause ab 2. September 2017 wieder für Besucher geöffnet.

Weitere Infos unter http://antikaselowsky.blogsport.de/
ViSdP: Barbara Schmidt, Aug.-Bebel-Str. 126, 33602 Bielefeld

Zur Vorgeschichte

Ein Arbeitskreis Oetker schrieb im Jahre 1984:

Warum Oetker?

Der Arbeitskreis Oetker ist die Fortsetzung eines Arbeitskreises, dessen Name und Ziel identisch waren: „Arbeitskreis zur Verurteilung des Dr. Gerke“.
Gerke, GeStaPo-Chef von Prag u.a., entzog sich 1982 seiner Verurteilung durch Tod und raubte damit dem Arbeitskreis sozusagen die Existenzgrundlage.
In der bedauerlichen Gewißheit, daß genügend andere Faschisten übrig geblieben waren, sich aber im Moment keine Person oder Gruppe als Thema anbot, haben wir Archivarbeit betrieben, um ein Gesamtbild insbesondere der personellen Besetzung des Faschismus und der sogenannten Entnazifizierung in Bielefeld zu bekommen.
Dabei fiel uns Oetker als besonders eklatantes Beispiel einer seit der Jahrhundertwende führenden Industriellenfamilie mit faschistischer Vergangenheit – insbesondere in der Person des langjährigen Firmenchefs und Nazi-Finanziers Kaselowsky – auf.
Nach dem selbst direkt an den faschistischen Verbrechen beteiligten Gerke haben wir jetzt also einen der „Hintermänner“ und Geldgeber im Visier.

Was wir machen?!

Unsere Nachforschungen zum Haus Oetker/Kaselowsky brachten einige Vorarbeiten zutage:
Bereits 1973/74 hatten verschiedene politische Jugendgruppen in Bielefeld ein „Oetker-Tribunal” vorbereitet, das Oetkers mulitnationale Konzernmachenschaften und seine Nähe zum Faschismus anprangerte.
Einer anderen neueren Arbeit – dem Uni-Forschungsbericht von Sawicki, die u.a. ein Verzeichnis der Mitgliedschaften der Familie Oetker in faschistischen Organisationen enthält – konnten wir nach zweijährigem Schlummer in Uni-Verwaltungsstellen zu einem öffentlich zugänglichen Platz in der Uni- Bibliothek verhelfen.
Wir haben unsere Nachforschungen über Oetker nicht auf die Zeit des Faschismus beschränkt. Auch in den übrigen Zeiträumen gilt es, mit der Legendenbildung zum Haus Oetker, dem lediglich am Wohl seiner Beschäftigen und seiner Stadt gelegenen Konzern-Vater aufzuräumen. Bei der Darstellung unserer Ergebnisse halten wir uns an die zeitliche Reihenfolge.
Ein wichtiges Ergebnis unserer Arbeit können wir in Form dieser Broschüre nicht vollständig zugänglich machen: Um eine genaue Übersicht über den Umfang der zu Oetker gehörenden Unternehmen und die damit verbundenen Einflussmöglichkeiten zu bekommen, haben wir aus der gesamten einschlägigen Literatur eine Kartei mit ca. 350 Nennungen zu Oetker angelegt. Zum Vergleich dazu: In der Literatur wird meist von ca. 120 – 150 Oetker-Unternehmen gesprochen; das Nachschlagewerk der Commerzbank über Verflechtungen bei Aktienbesitz nennt 24 Beteiligungen. Interessenten machen wir diese Kartei gerne zugänglich.

Wie das Backpulver in die Tüte kam

Wirft man einen Blick in die Chronik des Hauses Oetker, liest man: „Am 1. Januar 1891 erwarb der 29jährige Apotheker Dr. August A. Oetker, ein Bäckermeistersohn aus Obernkirchen bei Bückeburg, die Aschoff’sche Apotheke in Bielefeld. Dieser Tag gilt als das Gründungsdatum der Firma.“
(Der helle Kopf, 1966)
In der Realität war der 29jährige zu diesem Datum allerdings noch gut neun Jahre von seiner eigenen Fabrik entfernt. Erst 1900 wurde der allseits bekannte „Helle Kopf“ zum Warenzeichen der in diesem Jahr entstandenen Firma. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte August A. Oetker stetig Umsatz und Produktion seiner Apotheke steigern.
Mit dem Erwerb der Apotheke in Bielefeld stellte sich August A. Oetker voll und ganz in den „Dienst der Hausfrau“ – so will es jedenfalls die Firmengeschichtsschreibung: „Am Anfang unseres Unternehmens stand die Idee, der Hausfrau ihre Arbeit zu erleichtern.“
(Der helle Kopf, 1966)
Ganz so selbstlos waren die Ziele Oetkers beim Kauf der Aschoff’schen Apotheke bei näherem Betrachten allerdings nicht und es waren auch nicht seine ersten geschäftlichen Unternehmungen. Der harten Hausfrauenarbeit zum Trotz beteiligte sich der junge Oetker – wohlhabend eingeheiratet – noch 1890 an einer Berliner Firma, die Apothekeneinrichtungen herstellte. Da die Firma jedoch nicht die erhofften Gewinne abwarf, zog er sich schon bald wieder aus ihr zurück.
Der Aufstieg der Apotheke bis zum Fabrikbau um 1900 ging vor allem zu Lasten anderer Bielefelder Apotheker. So heißt es in einem Bericht des preußischen Innenministeriums, „der Apotheker hat verstanden, seinen Geschäftsumsatz auf Kosten der vorgenannten benachbarten Apotheken zu erhöhen“ (Sawicki 1981, 35).
Sein Erfolg als Apotheker wurde ihm vor allem durch eine findige Geschäftsidee möglich, welche den gesellschaftlichen Veränderungen der Jahrhundertwende Rechnung trug.
Immer mehr Frauen waren gezwungen, in 12- bis 16stündiger Arbeit mit für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Dies zwang sie, die anfallende Hausarbeit – da der Mann vielfach heute noch nicht und damals erst recht nicht im Haushalt half – in kürzerer Zeit und möglichst rationell zu
verrichten.
Dies ist der Hintergrund für August A. Oetkers Erfolg beim Verkauf seines Backpulvers. Es war fertig abgepackt in Tüten mit aufgedrucktem Rezept und bereits abgewogen für jeweils ein Pfund Mehl. Stellte das Backpulver, das übrigens nicht von Oetker erfunden wurde, grundsätzlich eine Vereinfachung als Treibmittel gegenüber der Hefe dar, gelang es Oetker, diesen Effekt mit seinen Tütchen noch zu steigern.
Der Rest ist schnell erzählt: Mit massiver Werbung, die eigentlich unter Apothekern verpönt war, gelang es Oetker, seine Marktanteile stetig zu steigern. Die Arbeit seiner ständig wachsenden Belegschaft bescherte ihm immer größeren Reichtum.
Allein von 1898 bis 1900 stieg die Zahl der vollbeschäftigten Hilfskräfte von 7 auf 40 an.
(s. Sawicki 1981, 37).
Gesteigerte Produktion, Rendite und Beschäftigtenzahl machten den Umzug von der Apotheke ins Fabrikgebäude plausibel.
(Grundlage dieses Kapitels ist die Arbeit von Sawcki 1981, 1-49)

August Oetker

August Adolf Oetker wurde am 6.1.1862 als Sohn eines Bäckermeisters in Obernkirchen geboren. Seine Eltern hatten insgesamt zehn Kinder. August war der Älteste.
Am 1.10.1878 beendete er seine Schullaufbahn am Gymnasium in Bückeburg und machte eine Ausbildung als Apothekengehilfe. Nach der Gehilfenprüfung arbeitete er bei der Firma W. Heraeus, einer ehemaligen Apotheke, die sich zur Platinschmelze entwickelt hatte. Oetker soll dort im chemischen Labor und an der Platinschmelze gearbeitet haben.
Im Anschluß an diese Arbeit studierte er vier Semester an der Universität Berlin Naturwissenschaften und legte ein Staatsexamen ab. ln Freiburg i. Br. setzte er sein Studium im Fach Philosophie fort und promovierte.
Am 30. 3.1889 heiratete Oetker Caroline Jacobi aus Hanau, Tochter einer Witwe, die dort ein Textilgeschäft besaß.
Nach seiner Heirat beteiligte sich Oetker zunächst an einem Berliner Unternehmen. das Apothekeneinrichtungen verkaufte. Er zog sich allerdings schon bald wieder aus dem Geschäft zurück.
Seit dem 1.1.1891 war Oetker Besitzer der Saal-Ascholfschen Apotheke in Bielefeld.
Oetker starb am 10.1.1918 in Bielefeld und hinterließ ein gehöriges Vermögen.

Das Backpulver geht auf

Von der Apotheke zur Fabrik

Es gab zwei sachliche Gründe, warum sich Oetker mit dem Gedanken trug, eine Fabrik zu gründen und dies um die Jahrhundertwende auch tat:
1. Der Status einer Apotheke verbot die Produktion von Waren und die Beschäftigung von mehreren Angestellten und
2. die steigenden Profite sollten neu angelegt werden. Der kleine Apothekenbetrieb jedoch behinderte die wachsende Produktion.
Die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt stellten sich für Oetker günstig dar: Wegen der herrschenden Arbeitslosigkeit konnte er risikolos schlecht bezahlte Frauen einstellen (1900: 70 Arbeiter/innen, 1917: 576 Arbeiter/innen).
Die Zusammensetzung seines Backpulvers übrigens stammt nicht von Oetker: Bis 1880 bereits waren verschiedene – auch die von Oetker benutzten – Mischungen bekannt. Auch die Dosierungsangaben waren in Fachkreisen kein Geheimnis.

Von der Hefe zum Backpulver

Gegenüber dem herkömmlichen Treibmittel Hefe hatte das Backpulver substantielle Nachteile: Die darin enthaltenen Stoffe Natron und Weinstein hatten geschmackliche Auswirkungen. Diese zu übertönen, wurden in den Rezepten auch immer Aromen und Gewürze angegeben.
Im Ersten Weltkrieg wurde das Backmittel immer schlechter. Der Staat half Oetker jedoch durch das Verbot, Hefe als Backmittel zu benutzen.
Und: Es gab keine gesetzlichen Einschränkungen, obwohl schon 1908 Spurenelemente von Arsen, Blei, Schwefelsäure und Strontium in Oetkers Backmittel gefunden wurden. Dazu die Hausgeschichtsschreibung der Firma Oetker 1941: „Schon 1891 konnte Oetker sagen: Die Zusammensetzung meines Backpulvers ist die denkbar beste, frei von allen schädlichen Beimitteln von stets gleicher Beschaffenheit.“

Verflechtung

Mit der fabrikmäßigen Produktion sah Oetker die Notwendigkeit, die Zulieferung von Rohstoffen abzusichern. Er schloß zunächst Verträge mit der Firma Chemische Fabrik vorm. Goldenberg, Geromont u. Cie in Winkel/Rheingau, war aber schon bald durch Aktienbeteiligung mit ihr verknüpft.
Jedoch hatte sich Oetker in der Abnahmeverpflichtung übernommen und nur die lnflation konnte vor den Gläubigern retten. Man fand eine neue chemische Firma, die bald „fest in Oetkerscher Hand“ war: die Chemische Fabrik Budenheim in Budenheim am Rhein. Dort saß seit 1924 Louis Oetker, der Bruder des Firmengründers, im Aufsichtsrat.

Der braune Kopf

„Die Firma Dr. August Oetker gehört zu jenen Industrieunternehmen, die sich 1933 geistig nicht um-, sondern nur einzuschalten brauchten“ (Hartwig 1941, 245) …und der Betrieb fuhr dabei gut.
War Oetker einerseits Aushängeschild der faschistischen Machthaber – wie in Presse- und Rundfunkberichten z.B. anläßlich der Auszeichnung als nationalsozialisticher Musterbetrieb deutlich wird -, so profitierte andererseits Oetker direkt und indirekt u.a. durch die Arisierungsparagraphen.
Folgende sechs Punkte sollen die unter geschäftsmäßigem Gesichtspunkt positive Entwicklung des Betriebes unter dem Faschismus kennzeichnen:
– Geschäftsentwicklung in Zahlen
– Auszeichnungen durch faschistische Organisationen
– ideologische Ausrichtung der Beschäftigten
– Erweiterung des Produktionsprofils
– Markenwerbung
– Arisierung

Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit AOG vom 20. Januar 1934

„lm Betrieb arbeiten die Unternehmer als Führer des Betriebes, die Angestellten und Arbeiter als Gefolgschaft gemeinsam zur Förderung des Betriebszweckes und zum gemeinsamen Nutzen von Volk und Staat. Der Führer des Betriebes entscheidet der Gefolgschaft gegenüber in allen betrieblichen Angelegenheiten, soweit sie durch dieses Gesetz geregelt werden.“
(Focke/Reimer 1979, 143f)

Geschäftsentwicklung

Bisher liegen uns lediglich über den Zeitraum 1932 – 1938 Zahlen vor:
Zuwachs Belegschaft % Warenumsätze
1932 1095 100
1934 1212 111 11,6
1938 1466 134 75,0

(Der Gau Westfalen-Nord 1939, 141)

Auszeichnungen

Die Firma Dr. August Oetker wurde während des Faschismus mehrfach als vorbildlich hingestellt und ausgezeichnet u.a.:
1937 als nationalsozialistischer Musterbetrieb
1938 als vorbildlich in der Förderung der Einrichtung „Kraft durch Freude“
1939 mit Gaudiplomen für die Zweigniederlassungen Danzig-Oliva, HH-Altona und Wien.
Die Auszeichnung als nationalsozialistischer Musterbetrieb erfolgte 1937. lm Leistungswettkampf der Deutschen Arbeitsfront (DAF) wurden zu diesem Zeitpunkt erstmals insgesamt 30 Betriebe auf Reichsebene ausgezeichnet und empfingen – für die Firma Dr. August 0etker durch den Betriebsleiter und den Betriebsobmann – die goldenen Fahnen und Abzeichen der DAF.

Zur Auszeichnung gehörte außerdem die Übertragung eines Reichsbetriebsappells aus den Oetker-Werken über alle deutschen Sender.

ldeologische Ausrichtung der Beschäftigten

Die Beschäftigten der Oetker-Werke wurden auf verschiedene Weise an den Betrieb gebunden. Eine davon war die Bereitstellung von Vergünstigungen.
Hören wir dazu Otto Krüger, den Betriebsobmann während der 50-Jahr-Feier 1941:
„Lieber Betriebsführer, in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit kann ich leider nicht alles erwähnen, wofür wir Ihnen Dank schulden. Es sei mir aber gestattet, das Prägnanteste herauszugreifen, als da sei die Garantie der 45-Stunden-Woche und die weit über dem Reichsdurchschnitt stehenden Ferien mit den dazugehörigen schönen Ferienzuschüssen. Dann die schönen Heiratsbeihilfen für unsere weiblichen Mitglieder.
Dann haben Sie immer lhr besonderes Augenmerk auf die körperliche Ertüchtigung der Gefolgschaft gerichtet. Sie haben eine Sportanlage geschaffen und Sie haben die schöne Grünplatzanlage schaffen lassen. Für gesundes Wohnen haben Sie auch immer ein besonderes Augenmerk gehabt. Das beweisen die vielen Zuschüsse, die sie schon immer gegeben haben, das beweist wieder ihre hochherzige Spende von 500.000 Reichsmark, die Sie zur Verfügung gestellt haben, damit nach Kriegsschluß des Führers gewaltiges Wohnbauprogramm vollendet werden kann.
Ihr soziales Denken hat auch seinen ganz besonderen Ausdruck gefunden in der Gründung der Pensionskasse, der sie jetzt wieder einen namhaften Zuschuss zur Verfügung gestellt haben.
Ihnen gehören die Herzen der ganzen Gefolgschaft, Ihnen schlagen die Herzen aller Hellkopf-Kinder entgegen, die in Ihnen ihren lieben Hellkopf-Vater verehren …“
(Hartwig 1941, 286)
Natürlich wurden diese Vergünstigungen streng im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie verabreicht. Z.B. bestand in, der Zeit der Weltwirtschaftskr?se für die bei Oetker beschäftigten Frauen die Möglichkeit, ihren Arbeitsplatz ihren arbeitslosen Männern zu überlassen und selbst zurück zu Heim und Herd zu gehen.
Während der 30er Jahre fand bei Oetker als einem der ersten Betriebe die Erprobung der sogenannten sozialen Betriebsarbeit statt. Es handelt sich dabei um den Einsatz einer Sozialarbeiterin, die den Sorgen und Nöten auf Betriebsebene ein offenes Ohr leihen sollte – sozusagen die installierte Bespitzelung –- und zugleich sollte durch gemeinsame Freizeitaktivitäten von Werksangehörigen Betriebszufriedenheit sichtbar gemacht werden. In diesem Rahmen wurde z.B. der Werkschor gegründet.

Die Deutsche Arbeitsfront (DAF)

Die DAF war die von den Faschisten anstelle der bereits im Mai 1933 zerschlagenen Gewerkschaften vorgesehene Organisation zur betrieblichen Interessenvertretung in deren Sinne. Das wichtigste Organisationsziel der DAF lag in der Zurückdrängung und Bekämpfung der klassenspezifischen Solidarität der Arbeiter und ihrem Ersatz durch die Parole der Betriebsgemeinschaft. An die Stelle von Klassenbewußtsein wurde “stolzes Leistungsbewußtsein“ gesetzt. Im „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ war das Führer/Gefolgschaftsprinzip im Betrieb festgeschrieben. Darauf bezieht sich die Verfügung über die Auszeichnung nationalsozialistischer Musterbetriebe ausdrücklich.
(Sawicki 1981, 117)

Erweiterung des Produktionsprofils

Die Betriebsleitung hatte seit 1921 bereits – bis zu dessen Tod 1933 zusammen mit Louis Oetker, einem Bruder des Firmengründers – und für die gesamte Zeit des Faschismus bis Januar 1944 Dr. Richard Kaselowsky inne, auf den weiter unten noch näher eingegangen wird. ln dieser Zeit wurde das Unternehmen über den „Puddingrahmen“ hinaus erweitert. ln den „Gründerjahren“ der Weimarer Republik nach der Inflation 1923 war bereits intensiv im europäischen Ausland investiert worden.
Ein Beispiel für die Erweiterung des Produktionsprofils war der Aufkauf der Kochs-Adler-Nähmaschinenwerke AG Bielefeld: „Da zur Zeit der Übernahme sicherlich mit dem Verkauf von Nähmaschinen kaum Geld zu machen war, gelangte das Werk auf die Höhe seiner Leistungen, indem es sich in kürzester Zeit auf die Fabrikation einer Reihe wichtiger Spezialnähmaschinen für Heereszwecke und die Fabrikation sonstigen Heeresbedarfs umstellte‘, wie in der Festschrift 75 Jahre Adler Nähmaschinen nachzulesen ist. Hinter ’sonstigem Heeresbedarf‘ versteckt sich die Tatsache, daß dieses Unternehmen dank seiner Gießereí Kriegslieferungen an Munitions- und Gewehrteilen ausführen konnte. Durch die Zugehörigkeit des Unternehmens zu dem Verband deutscher Eisengießerelen in Düsseldorf hatte Dr. Kaselowsky die Möglichkeit, in Kontakt zu den ganz Großen von Eisen und Stahl zu kommen, um so möglicherweise vom Rüstungsgeschäft profitieren zu können.“ (Kusche 1974,8)

Mit dem Einkauf in die Hamburg~Süd-Schiffahrtsgesellschaft 1934 konnte das Liefernetz bis nach Übersee ausgedehnt werden. 1937 versuchte Kaselowsky in die Hochseefischerei einzusteigen.

Markenwerbung

Gleichzeitig wurde weiterhin versucht, Oetker als ausschließliche Marke „an die Frau“ zu bringen. Dazu diente vor allem eine intensive Werbung: Laden-, Film- und Kochbuchwerbung, der Einsatz reisender Vortragsdamen mit Back- und Kochvorführungen, die Einrichtung weiterer Backschulen – die erste war zusammen mit Henkel 1927 in Berlin für Oetker und Persil installiert worden; Frankfurt/Main, Leipzig und Mainz folgten – Wanderbackkurse und Backtage.
Backtage, d.h. die zu werbenden Hausfrauen schleppten Materialien an, anhand derer sie als Oetker-Kunden geworben wurden. „Diese Form der Werbung erwies sich als besonders wichtig im Kriege. Da hätten Backveranstaltungen ausfallen müssen, weil vom Werke aus kein Material zur Verfügung gestellt werden konnte
1932 – 1935 wurden Filmwagen angeschafft; die Wehrmacht übernahm später fast alle „und kleidete sie feldgrau ein. – In diesem Gewande erfüllen sie heute die stolze Aufgabe, als Sprecher für großdeutsche Ziele zu wirken …“ (Hartwig 1941, 188).

Arisierung

Neben einer intensiven Werbung standen zur Ausschaltung der Konkurrenz oder ähnlichen geschäftsfördernden Maßnahmen noch andere Instrumente zur Verfügung:
„Als 1935 – das ‚Dritte Reich‘ hatte schon begonnen – eine ehemalige Oetker-Angestellte, die Österreicherin Malvine Fotomarovic, selbst Backpulver zu produzieren begann und unter dem vertrauenserweckenden Markennamen ‚Tante Foros Küchenhilfe‘ in Oetker-Domänen einbrach, wandte sich Dr. Kaselowsky an den Referenten für Berufsmoral beim Stellvertreter des ‚Führers‘, und schon wurde ‚Tante Foro‘ als lästige Ausländerin des Reichsgebiets verwiesen und ihr Betrieb geschlossen.“
(Engelmann/Wallraff 1976, 197)

„Die Naziführung kam dem Oetker-Konzern in dessen Bestreben, seine ökonomische Machtbasis durch die Übernahme fremder Unternehmen und Kapitalbeteiligungen auszubauen, mittels der sogenannten Arisierung entgegen. Zahlreiche Konzerne, sowie die Deutsche Bank, in der Kaselowsky Mitglied des Aufsichtsrates war, konnten sich auf diese Weise billig jüdische Betriebe und Banken aneignen. Als Beispiel für die Beteiligung an der Arisierung jüdischen Eigentums sei die E. Gundlach AG in Bielefeld angeführt. Dieses Unternehmen, dessen Aufsichtsratsvorsitzender Kaselowsky war, übte einen starken Einfluss auf die Meinungsbildung in Bielefeld und Umgebung aus. Es gab verschiedene Zeitschriften und Zeitungen heraus, u.a. die ‚Westfälischen Neuesten Nachrichten‘, die unter der Nazi-Herrschaft ein nationalsozialistisches Blatt waren, gleichzeitig wurde das ‚Gaublatt der NS-Frauenschaft Westfalen-Nord verlegt. Wahrscheinlich aus Dank für die Verbreitung der Nazi-Ideologie konnte die Gundlach AG zwei Zeitschriften aus ’nicht arischer Hand‘ erwerben.“

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß sich das Unternehmen Oetker unter dem verbrecherischen Regime der Faschisten festigen und ausweiten konnte. Dabei hat es sich als Markenartikelhersteller einen Namen geschaffen, der mit anderen Partikeln faschistischer Ideologie fest in die Gehirne der vorwiegend hausfraulichen Kunden eingeschliffen ist. Die aus der Erinnerung beibehaltene Überzeugung bezüglich der vermeintlich überlegenen Qualität von Oetker-Produkten läßt die Hintergrundbedingung Faschismus allerdings völlig außen vor.
Oetker – bzw. die repräsentative Leitung des Unternehmens – unterstützt dieses Vergessen. Das einleitend vorangestellte Zitat stammt z.B. aus dem Buch der Gefolgschaft, einer an alle Belegschaftsmitglieder verteilten, seitenstarken braunleinernen Selbstdarstellung des Unternehmens im dritten Jahr des Zweiten Weltkrieges, das der hauseigene Archivar Oetkers heute gar nicht mehr gerne in der öffentlichen Ausleihe des Stadtarchivs wissen möchte.
Die veröffentlichte Hausgeschichtsschreibung Oetkers scheint nicht einmal diese stille Peinlichkeit zu kennen. 12 Jahre Faschismus sehen dort so aus:
ln der Chronik (Der helle Kopf. Hauszeitung zum 75jährigen Firmenjubiläum 1966, 7) tauchen vier Daten und Ereignisse für diesen Zeitraum auf:

• 1933 Tod Louis Oetker
Richard Kaselowsky wird alleiniger Geschäftsführer
• 1935 Errichtung des Fabrikneubaus Lutterstraße
• 1941 Rudolf August Oetkers Eintritt in die Firmenleitung
• 1944 Tod Richard Kaselowskys
Rudolf August Oetker übernimmt die Firmenleitung.

Welch trübes Bild soll hier vermittelt werden? Die positive Geschäftsbilanz aus zwölf Jahren Aufblühen unter einem verbrecherischen Regime, mit dem man sich in geistiger Übereinstimmung befindet, wird einfach totgeschwiegen.
Ein bißchen Licht wird auf den Zweiten Weltkrieg geworfen: Im Kriege bedurfte es zwecks Materialbeschaffung und, weil Entscheidungen durchweg in Berlin fielen „eines besonderen Kontaktes zu den Reichsbehörden und Ministerien“, um rechtzeitig „dabei zu sein“ und bei den Zuteilungen „zum Zuge zu kommen“… „Während des ganzen Krieges 1939 – 1945, als die Versorgung mit der Marke dirigiert wurde, war Puddingpulver ein fester Bestandteil der Ernährung. Im Vergleich zu 14/18 war deshalb diesmal die Lage für die Firma Dr. August Oetker in mancher Hinsicht zunächst etwas günstiger.“ (Der helle Kopf 1966, 23) Ein Meisterstück bundesrepublikanischer Vergangenheitsbewältigung!

Bei einem Teil der in den 30er Jahren von Dr. August Oetker, Bielefeld zu Werbezwecken angeschafften Wagen handelte es sich um Filmwagen, die wenige Jahre danach im Zweiten Weltkrieg die Wehrmacht übernahm, und die „kleidete sie feldgrau ein. – ln diesem Gewande erfüllen sie heute (1941) die stolze Aufgabe, als Sprecher für großdeutsche Ziele zu wirken (Hartwig 1941, 188) heißt es in der Selbstbeweihräucherung zum 50jährigen Firmenjubiläum im 3. Jahr des Zweiten Weltkrieges.
Heute fahren wieder Werbewagen:
Anfang Mai 1984 konnte man in einer Bielefelder Lokalzeitung unter dem Hinweis auf bestehende Traditionen nachlesen, daß Konzernchef August Oetker – inzwischen die vierte Generation – eine „Wende“ entdeckt hat: „Die Hausfrau, manchmal auch der Hausmann, möchte wieder mehr und häufiger selber backen“, und weil das so ist, schickt das heimische Weltunternehmen jetzt ein „Backmobil“ auf die Reise durch die Bundesrepublik.
(NW 11.5.1984)

Richard Kaselowsky

wurde am 14. August 1888 als ältester Sohn des Fabrikanten Richard Kaselowsky in Bielefeld geboren. Seine Mutter war eine geborene Delius (Textilindustrie Bielefeld). 1907 legte Kaselowsky in Bielefeld das Abitur ab. Beruflich versuchte er verschiedene Richtungen:
Ein Jurastudium unterbrach er 1908 bereits nach einem Jahr, um eine Banklehre bei der Rheinisch-Westfälischen Disconto Gesellschaft, Bochum, anzutreten, die sich – unterbrochen vom Militärdienst beim 7. Feldartillerieregiment in München – bis 1914 in Tätigkeiten bei verschiedenen Bankhäusern in London und Berlin fortsetzte.
Bei Delbrück, Schickler KG in Berlin lernte Kaselowsky Rudolf Oetker kennen, den Sohn des Firmengründer August Oetker.
In Großbritannien wandte sich Kaselowsky einer weiteren Ausbildung zu: der Geflügelzucht, die er – nach Deutschland zurückgekehrt – weiterführte. In dieser Branche brachte er es mit einem Mustergeflügelhof erstmals zur Selbständigkeit.
1916 wurde der während seiner Dienstzeit dauernd untauglich geschriebenen Kaselowsky
zum Militärdienst eingezogen, nebenbei konnte er Vorlesungen an der Universität Frankfurt/Main besuchen, wo er 1919 mit einer Arbeit über den rheinlsch-westfålischen Kuxenmarkt promovierte.
Seine ausführliche Berufsfindung wurde endgültig abgeschlossen mit dem Eintritt in die Firma Dr. August Oetker, den er durch die 1919 stattfindende Heirat mit Ida Oetker, der Witwe seines ehemaligen Studienfreundes Rudolf Oetker einleitete.
Im Februar 1921 ging Kaselowsky in die Geschäftsleitung des Unternehmens als einer von zwei Teilhabern, neben Louis Oetker, dem Bruder des 1918 verstorbenen Firmengründers. 1933, nach dem Tod Louis Oetkers, übernahm Kaselowsky die Gesamtleitung des Betriebes und behielt sie bis zu seinem Tod im letzten Kriegsjahr 1944.
Im April 1933 trat Kaselowsky in die NSDAP ein. „Seine Verbindungen zur NSDAP mußten schon vor 1933 bestanden haben und mußten von beträchtlicher Intensität gewesen sein. Richard Kaselowsky hat nach den Auffassungen der damaligen Chronisten eine wichtige Rolle bei der Begründung, Fertigung und Entwicklung des NS-eigenen Zeitungswesen im nordöstlichen Westfalen gespielt…“, z.B. bei der Fusion des NS-Volksblattes (von der SPD enteignet) und Westfälischen Neuesten Nachrichten (Amtliches Organ der NSDAP und sämtlicher Behörden) (E. Gundlach).
1935 wurde Kaselowsky vom Beauftragten der NSDAP nach §51 der Deutschen Gemeindeordnung für sechs Jahre zum Ratsherrn in Bielefeld berufen.
1942 vertauschte er das Amt des Vizepräsidenten der (I)HK Bielelfeld mit dem des Präsidenten. ln dieser Position löste ihn 1943 sein Bruder Theo Kaselowsky – bis zum Ende der Nazi-Herrschaft ab. Theo Kaselowsky war seit 1937 Kreiswirtschaftsberater der NSDAP für Bielefeld Stadt. Richard Kaselowsky saß zusammen mit Otto Krüger, dem Betriebsobman der Oetker-Werke, als ständiges Mitglied ín der Arbeitskammer Westfalen -Nord.
(Sawicki 1981, 155f)
Richard Kaselowsky war Mitglied des „Freundeskreises des Reichsführers der SS und der Polizei Heinrich Himmler“, in dem sich führende Nazis und Konzernherrn trafen.
Oswald Pohl, Leiter des SS Wirtschaftshauptamtes kennzeichnet die Mitglieder dieses Kreises in den Nürnberger Kríegsverbrecherprozessen: „Von 1937 an waren jedenfalls die Mitglieder des Freundeskreises ausgesuchte, politisch zuverlässige und Ioyale Leute, sonst wären sie nicht von Himmler eingeladen worden.“
(Kusche 1974, 11)
Karl Wolff, General der Waffen-SS bescheinigt ein vertrautes Verhältnis zwischen Himmler und den Mitgliedern des Freundeskreises: „Himmler nahm die Herren öfter auf Führungen mit, um sie mit der Arbeit und den Problemen der SS vertraut zu machen und ihnen zu zeigen, wofür ihre Geldspenden verwendet werden…“
An Spenden auf das Sonderkonto S des Freundeskreises sind für den Oetker-Chef Kaselowsky zumindest eindeutig belegt je RM 40.000 in den letzten Kriegsjahren 1946 und 1944. Zur Einschätzung der Spendenhöhe hier vergleichend die Beträge von
IG Farben, Siemens: RM 100.000
Deutsche Bank: RM 75.000
Dresdner Bank: RM 50.000.

Richard Kaselowsky, seine Frau Ida Kaselowsky und zwei ihrer gemeinsamen Töchter kamen 1944 bei einem Bombenangriff auf Bielefeld ums Leben. Eine Aburteilung wegen seines Einsatzes für die Faschisten sowohl auf Betriebs – wie auf allgemeiner Ebene – z.B. über die Zeitungen, die bei E. Gundlach hergestellt wurden – wurde also noch weniger als bei anderen Geldgebern und Hintermännern des faschistischen Verbrecherregimes durchgeführt.
Rudolf August Oetker, der Stiefsohn Kaselowskys – als Mitglied der Waffen-SS geistesverwandt – verstand es, bereits 1959 einem sozialdemokratischen Stadtrat, das Versprechen abzunehmen, Kaselowsky als Namensgeber der Stiftung Kunsthalle einzusetzen. Auf einer dort angebrachten Gedenktafel wird ihm lediglich als Opfer gedacht – eine satte Umkehrung der Tatsachen! und eine Verhöhnung aller tatsächlichen Opfer des Nazi- Regimes!

Vom Puddingprinz zum Brauereikönig, Reederfürst und Versicherungsmagnaten

oder: Rudolf August Oetker in den Fußstapfen von Richard Kaselowsky

Was hatte der Zweite Weltkrieg Oetker ‚beschert‘?

Im Jahre 1944 war die Firma zwar schon etwas grösser und bedeutender als zu Zeiten des Großvaters, aber vom heutigen Oetker-Konzern sind damals gerade erst Ansätze vorhanden gewesen:

– das Stammunternehmen in Bielefeld und die Nährmittelfabrik REESE in Hameln sowie einige kleinere Betriebe der Nahrungsmittelbranche,

– eine Reihe kleinerer und größerer Beteiligungen in anderen Wirtschaftszweigen (z.B. ein bescheidenes Aktienpaket der HAMBURG-SÜD, ein Anteil an der VEREINSBANK in Hamburg und die Majorität beim damals nicht so bedeutenden Bankhaus LAMPE. (vgl. Engelmann 1981, 228ff) Aber dann „begünstigt von der ‚Freßwelle‘, die gleich nach der Währungsreform einsetzte und Millionengewinne in die Oetker-Kassen spülte, und mit geradezu phantastischen Anlage- und Abschreibungsmöglichkeiten verhätschelt von der unternehmerfreundlichen Regierung der rechten Mitte unter Adenauer, nutzte er jeden der vielfältigen Vorteile, die die Steuergesetzgebung der auf die Erhaltung ihrer staatstragenden Oberschicht bedachten BRD reichen Leuten bot“.
(Engelmann 1981, 229)

Zunächst stand der steigende Umsatz von Pudding-, Back- und Soßenpulver im Vordergrund. Schließlich betrugen die Marktanteile 1968 beim Backpulver 80 Prozent und beim Puddingpulver 50 Prozent. (s. Schoeber 1979, 11)
Aber bald beschloß Oetker, sich auf andere Branchen zu stürzen. Wie meinte doch sein Generalbevollmächtigter Sandler: „Mit Back- und Puddingpulver sind keine Blumentöpfe mehr zu gewinnen“ (Schoeber 1979, 10). Denn als eines der Hauptprinzipien galt Rudolf August Oetker, dem ‚Puddingprinzen‘: das Angebot einer bestimmten Ware sollte durch gezielte Werbung manipuliert nur so weit differenziert werden, bis die Grenze dessen erreicht ist, was auf dem Markt erzielt werden kann. Danach muss nach anderen Kapitalverwertungsmöglichkeiten Ausschau gehalten werden. (Diversifikation)
Wie heißt es so schön idealisierend in einem Interview mit ihm 1970: „Hanseatische Skepsis begegnete dem Unternehmer aus dem Binnenland, als er nach dem Kriege beschloß, Reeder zu werden“ (Schoeber 1979, 100).
Warum wurde er Reeder?
Weil Darlehen an den Schiffsbau vom steuerpflichtigen Einkommen abgezogen werden konnten. So gab Oetker seine Gewinne lieber den Reedereien als dem Finanzamt und wurde schließlich selber Reeder, um mit Oetker-Gewinnen Schiffe zu bauen. Weil Reeder außerdem staatliche Zuschüsse und spottbilliges langfristiges Geld aus öffentlichen Mitteln erhielten, kaufte er noch mehr Reedereien auf. 1970 fuhren für den Reederfürsten Oetker 85 Schiffe über die Weltmeere. Hinzu kommen 19 Fang- und Verarbeitungsschiffe. Inzwischen ist Oetker zu einem der größten Reeder der BRD avanciert.
(vgl. Engelmann 1981, 229f)
Und weil Schiffe versichert werden müssen, und weil das viel Geld kostet, das man lieber behält, gründete er eine eigene Versicherung, die CONDOR. 1970 hatte er den zweiten Platz im Versicherungsgeschäft der BRD inne mit einer Aktienmajorität von über 70 Prozent.
„Das lief so: Weil das Risikio bei großen Handelsschiffen für eine einzelne Versicherung zu hoch ist, weil andererseits der sein Schiff versichernde Reeder und gleichzeitige CONDOR-Chef sich die fremde Versicherung aussuchen und für die Überlassung des halben Risikos lukrative Tauschobjekte verlangen konnte, kam die ‚Condor‘ gut ins Geschäft. Dennoch blieb sie zu klein, um allen Stürmen gewachsen zu sein. Erst als Oetker von der DAG die Lebens- und Sachversicherung DEUTSCHER RING dazukaufen konnte, war sein Versicherungsimperium krisenfest abgestützt. Ausserdem zahlte der Versicherungsmagnat nun die diversen hohen Versicherungsbeiträge für die wachsende Anzahl seiner Unternehmen schmunzelnd in die eigene Tasche.“
(Engelmann 1981, 230)
Oetker wollte sein Vermögen möglichst lukrativ und krisenfest anlegen. Inspiriert von Doktor Sandler entschloß er sich daher, Bierbrauer zu werden. Inzwischen ist er zum größten privaten Bierbrauer der BRD geworden. Und wie geschah dieses? ‚Brauerreikönig‘ Rudolf August Oetker erwarb nach und nach 90 Prozent der Aktien einer Holding, der BANK FÜR BRAUINDUSTRIE AG, Frankfurt/Main, die unter kräftiger Ausnutzung des sogenannten Schachtelprivilegs (einer spätkapitalistischen Erfindung, die insbesondere in der BRD zu hoher Blüte gekommen ist) mit verhältnismäßig kleinem Kapital die größte bundesdeutsche Brauereigruppe kontrolliert, dazu die Reihe von spanischen Brauereien.
(Engelmann 1981, 231)
Reicht es nun? Es reicht noch lange nicht! Da wären noch eigene Banken, Weingüter, Wäschefabriken, Verlage, Sektkellereien, Hotels usw. Für Rudolf August Oetker galt hauptsächlich das Prinzip der Profitmaximierung; dafür wurde der Personalbestand skrupellos in 12 Jahren halbiert, wurden 14.000 Mitarbeiter auf die Straße gesetzt.

Der ’stille‘ und ‚bescheidene‘ Rudolf August Oetker

Matthias Walden sagt über ihn: „Oetker selbst ist ein stiller Mann. Uneitel bis zur Verblüffung, leutselig ohne ‚Getue‘ …“ (Schoeber 1979, 1).
Rudolf August Oetker war zum Zeitpunkt der Übernahme des Konzerns 28 Jahre alt. Er wuchs heran wie ein Prinz: einerseits verwöhnt, andererseits streng erzogen: wohlbehüteter Gymnasiast; später absolvierte er eine Banklehre bei der VEREINSBANK in Hamburg, an der die Familie eine Beteiligung hatte. Die Familie engagierte Aufpasser für ihn, wie z.B. Herrn Haase, den späteren Fahrer des Konzernchefs.
1936 wurde Rudolf August Oetker mit 20 Jahren zum Arbeitsdienst eingezogen. Anschließend: Soldat bei einer Aufklärungsabteilung. Dort ist er aus Krankheitsgründen entlassen worden. Jetzt schaltete sich auch der Stiefvater, SS-Förderer Richard Kaselowsky ein, um ihn von der Front fernzuhalten. Vielmehr fand eine SS-Verpflegungseinheit in Berlin Verwendung für ihn; zeitweise durfte er sogar in einem Berliner Zweigwerk von Oetker arbeiten. Spätestens ab dem 22. 3. 1942: Mitglied der Waffen-SS. Eines der Hauptwerke über Oetker legt die Vermutung nahe, dass Rudolf August Oetker bereits 1934 der SA angehörte.
(s. Sawicki 1981, 128)

1944: Übernahme des Konzerns, weil Richard Kaselowsky und weitere Oetker-Familienmitglieder bei einem Bombenangriff auf Bielefeld in ihrem Bunker verbrannten.
26.Oktober. 1944: Untersturmführer der Reserve.
1945: Alliierte Haft; Überstellung nach den Regeln des automatischen Arrestes in ein Lager.
Zu seinem Lebensstil stellte Walden fest: Rudolf August Oetker sei ein „schlichter Mann. Sein Lebensstil ist – gemessen an seinem Reichtum – bescheiden. Er bewohnt das ehemalige Gärtnerhaus der Oetkerschen Familienresidenz in Bielefeld.“ Das scheint sich inzwischen geändert zu haben. Aus dem menschenscheuen ‚Puddingprinzen‘ ist ein kühner und selbstsícherer Brauereikönig, Reederfürst und Versicherungsmagnat geworden, der oft in seiner Hamburger Prunkvilla ‚die Boost‘ mit Butler residiert.
Er befürchtet eigentlich vor allem , „daß die Ordnung, in der wir leben, sich verändert“ (Schoeber 1979, 174). Er hat es „ungern“, wenn diese Ordnung gestört ist. Das ist ja auch logisch: ihm geht es über alle Maßen gut in diesem Staat.

Bielefeld hat seinen Ehrenbürger

Im Oktober 1981 ehrte die Stadt Bielefeld den Puddingprinzen Dr. Rudolf August Oetker mit der Ehrenbürgerschaft. Für seine angeblich kommunalen Leistungen und für die Verdienste um die Stadt Bielefeld, mit der der Name Oetker in aller Welt verbunden sei, erhielt der Multifunktionär die höchste Auszeichnung der Stadt. Dabei vergaßen die Stadtväter ganz, daß noch ein Jahr zuvor die Firma Oetker gedroht hatte, ihre Investitionen im hiesigen Raum zu stoppen und den Stammbetrieb zu verlegen. Anlaß war die Änderung der Gewerbesteuergesetzgebung, bei der das Haus Oetker ein paar Mark mehr für die Stadt Bielefeld zu zahlen gehabt hätte. Die Drohung, mehrere tausend Bielefelder Bürger auf die Straße zu setzen, wurde freilich bei der Feierstunde zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft nicht erwähnt…

Verschwiegen wurden auch die versteckten und offenen Forderungen des Dr. R. A. Oetker nach Ausbau der staatlichen Gewalt und der Einführung der Todesstrafe. Im Jahr 1977 veröffentlichte Oetker in allen größeren Tageszeitungen eine Anzeige (sein Sohn war gerade entführt worden), in der er härtere Strafen und eine schlagkräftige Polizei forderte. Diese Anzeige war für die damalige SPD-Fraktion im Rat der Grund, warum sie der Ehrenbürgerschaft nicht zustimmen wollte. Aber auch Oetkers Verbindungen zur NPD – 1967 gab es bei Oetkers ein Treffen mit mehreren bekannten NPD-Funktionären – waren Gründe für die bis dahin ablehnende Haltung der Bielefelder Sozialdemokraten.
Die Kunsthalle, die Oetkerhalle und die Oetker-Eisbahn sind für die Stadträte Beweise der kommunalen Verdienste des Stifters Dr. R.A. Oetker. Zwar hatte die Stadt Bielefeld das Grundstück für die Kunsthalle bereitgestellt und Dr. R.A. Oetker über die Hälfte der Baukosten steuerlich abschreiben können, dennoch verlangte der große Wohltäter, die Kunsthalle nach seinem Stiefvater und Nazi-Mäzen Kaselowsky zu nennen; und so heißt sie heute noch. (1984)
Bielefelds Ehrenbürger hat aber noch andere ehrwürdige Tugenden in anderen Bereichen. Der Abbau von Arbeitsplätzen im Hause Oetker wird unaufhaltsam vorangetrieben, um „kostenneutraler“ zu produzieren. Seit 1970 hatte der Konzern eine Umsatzverdoppelung, dem steht eine Halbierung der Belegschaft gegenüber. Seit dem Herbst 1982 arbeitet eine amerikanische Unternehmensberatungsfirma im Hause Oetker, um genauer festzustellen, wo noch Arbeitsplätze „eingespart“ werden können. Zur Zeit stehen im Stammhaus Bielefeld 160 Arbeitsplätze zur Disposition.
Neben dem Abbau von Arbeitsplätzen werden auch die Sozialleistungen des Konzerns seit 1970 rigoros abgebaut. Übriggeblieben sind von den übertariflichen Leistungen nur noch das Gesundheitshaus für die Belegschaft, zur Regenerierung der Arbeitskraft. Auf diese Weise spart der Konzern Oetker viel Krankengeld und frühzeitige Rentenzahlungen.
Einem Mann, der Nazigrößen Gedenkstätten verschafft, der tausende von Menschen auf die Straße setzt, und der mehr staatliche Gewalt fordert, die Ehrenbürgerschaft zu verleihen, ist und bleibt ein Skandal.

SS-Förderer als Namensgeber der Kunsthalle – akzeptabel?

Bereits 1968 bei der Einweihung der Kunsthalle kam es zu breiten Protestaktionen gegen den Namen Richard Kaselowsky. Die Einweihungsfeierlichkeiten wurden damals abgeblasen – der Name blieb. Als fauler Kompromiß zwischen den Interessen der Familie Oetker an einer Beibehaltung des Nazi-Namens einerseits und dessen Ablehnung in Bevölkerungskreisen, die weder dem verbrecherischen NS-Regime noch dessen Finanziers und Meinungsmacher Kaselowsky nahestanden, andererseits, bürgerte sich „Kunsthalle“ als neutrale Bezeichnung für das Richard-Kaselowsky-Haus ein.
lm Januar 1984 griff die Bielefelder Friedensinitiative diese Sache wieder auf. 51 Jahre nach der Machtübernahme durch die Faschisten sollte endlich ein Beitrag zur Bearbeitung der Vergangenheit geleistet werden. Die öffentliche Einrichtung der Stadt sollte nicht länger den Namen eines Mitgliedes des Freundeskreises Himmler tragen. Geradezu als Hohn empfand man, daß Richard Kaselowsky, der prominente Nazi, auf einer Gedenktafel im Foyer der Kunsthalle unter den Opfern des von den Faschisten entfachten Zweiten Weltkrieges genannt wird.