Grete-Kusber-Platz in Gronau eingeweiht

22. Oktober 2021

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Ortwin Bickhove-Swiderski spricht über Grete Kusber in Gronau zur Platzeinweihung.

Wir dokumentieren die Ansprache von Ortwin Bickhove-Swiderski, DGB Kreisvorsitzender von Coesfeld und Mitglied des geschäftsführenden Landesvorstands der VVN-BdA NRW anlässlich der Einweihung des Grete-Kusber-Platzes in Gronau am 08.10.2021. Wir freuen uns zugleich über das Engagement von Sahin Aydin, dessen Recherchen und Veröffentlichung zu Grete Kusber zur Benennung des Platzes geführt haben. Weiterführende Informationen finden sich am Ende des folgenden Textes.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Genossinnen und Genossen,
meine sehr geehrten Damen und Herren.

Für die freundliche Einladung zu dieser Gedenkveranstaltung darf ich mich recht herzlich bedanken.
Margarete Kusber kam am 1. August 1907 als Tochter von Carl Schmerzenreich-Domke und seiner Frau Elli in Berlin zur Welt. Grete besuchte die Volksschule in Dortmund. 1922 zog die Familie nach Gronau. Gearbeitet hat sie zuerst bei der Familie Gerrit van Delden als Hausmädchen. Ab 1924 war sie als Textilarbeiterin tätig.
Zu einem Zerwürfnis mit der ev. Kirche und einem Kirchenaustritt trug diese nachfolgende Geschichte bei.
Grete sollte bei einer Tagung den älteren Teilnehmern Streuselkuchen geben und den Kirchenangehörigen ein Stück Torte.
Grete machte es genau umgekehrt, den Kirchenangehörigen den Streuselkuchen und den älteren Menschen die Torte. Der Kirchenaustritt erfolgte am 28. März 1931.
Grete Kusbar muss eine sehr politisch geprägte Person gewesen sein. Im Jahre 1928 trat sie in die KPD ein.
Die KPD versuchte mit allen politischen Mitteln, aber manchmal auch mit Straßenschlachten und Saalschlachten die aufkommende NSDAP kleinzuhalten.
Dabei brachten die KPD Genossen große persönliche Opfer. Die KPD hatte um 1930 ca. 330.000 Mitglieder. Ab 1933 bis 1945 befand sich die KPD in der Illegalität.
Mit vorbereiteten Mitgliederlisten durchsuchte die NSDAP schon am Abend des Reichstagsbrandes am 27. Februar 1933 die Wohnungen der bekannten KPD Mitglieder. Um 21 Uhr brannte der Reichstag, wenige Minuten später waren Hitler, Göring und von Papen (der Steigbügelhalter des Faschismus aus Dülmen) direkt vor Ort. Hitler wurde ebenso wie von Papen Dülmener Ehrenbürger.
An dem Abend des Reichstagsbrands wurden allein in Berlin 1500 KPD Genossen verhaftet. In der Zeit von 1933-45 wurden ca. 180.000 KPD Mitglieder inhaftiert und verhört. Ca. 30.000 Genossen wurden in den Kerkern, Konzentrationslagern und den Gestapo Polizeigefängnissen zu Tode geprügelt.
Keine andere politische Partei brachte so große Opfer. Verfolgt wurden natürlich auch SPD, Gewerkschafter, Sinti und Roma und Homosexuelle.
Bei der Reichstagswahl 1933 erreichte die KPD 89 Mandate. Die KPD war in fast allen Kommunalparlamenten vertreten.
Grete leistete aktiven Widerstand und wurde durch ihre KPD als Kurierin eingesetzt. Politische Schriften wurden in einem Kinderwagen über die niederländische Grenze befördert.
Dieser Einsatz bedeutete, einer permanenten Lebensgefahr ausgesetzt zu sein.
Die Morgensternsiedlung wurde von SA- und SS Leuten umzingelt. Sie wurde hier per Haftbefehlt gesucht. Ein eher ungewöhnlicher Vorgang, denn sonst wurden KPD Mitglieder einfach in Schutzhaft genommen. Ohne je einen Haftbefehl gesehen zu haben.
Angegeben wurde auf diesen Haftbefehlen immer Vorbereitung zum Hochverrat. Bei einer SA Aktion am 7.7.1936 wurde ihre Mutter und ihr Stiefvater festgenommen und auf der Gronauer Polizeiwache gefoltert.

Während der Vorbereitung der Platzeinweihung.

Grete schloss sich dann in der Zeit von 1936 bis 1940 dem niederländischen Widerstand an. Die niederländischen Genossen rieten ihr, sich einen alias Namen zuzulegen. Krete Kusber war in dieser Zeit Maria Beelmann wohnte auf der Burmanstraat im Amsterdam Ost III. Selbstverständlich war sie in der niederländischen Kommunistischen Partei tätig.
Tatsächlich wurde Grete am 25. 06. 1940 durch die Gestapo nach Hamm gebracht und dort verhört. Heute können wir sagen, es war ihr persönliches Glück oder Geschickt, dass die Gestapo nichts aus ihr herausquetschen konnte. Somit kam es nicht zu Anklage. Die Richter in Hamm verhängten mehr Todesurteile als der bekannte Volksgerichtshof unter dem Blutrichter Freisler.
Auch nur festgestellt, nach 1945 wurde kein Richter aus der NS Zeit für seine Fehlurteile abgeurteilt. Ein völliges Versagen der braunen Richter. Viele von ihnen wurden nach 1945 mit besser besoldeten Funktionen in dem Richterdienst übernommen. Wäre es zu einer Anklage gegen Grete gekommen, wäre das Urteil entweder 15 Jahre Zuchthaus, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte oder möglicherweise die Todesstrafe gewesen.
Am OLG Hamm wurden in der Zeit von 33-1945 ca. 15.000 Verfahren gegen politische Personen wegen Hocherrat durchgeführt. Das Ergebnis waren in der Regel lange Haftstrafen. Es wurden in Hamm 350 Todesurteile ausgesprochen, kein anderes Gericht, auch nicht der berüchtigte Volksgerichtshof in Berlin urteilte mehr Menschen zum Tode ab.
Am 9.1.1941 wurde Grete aus der Haft entlassen und tauchte in der illegalen Wohnung des Musikers Günter Irasky hier in Gronau ab.
Sofort nach 1945 nahm Grete die politische Arbeit wieder auf. Sie arbeitete in der KPD mit, der Roten Hilfe, einer Organisation die politischen Gefangenen aus dem linken Spektrum hilft. Weitere Arbeitsschwerpunkte waren die Gewerkschaft Textil Bekleidung, die heute in der IG Metall aufgegangen ist und der AWO.
Grete war auch Mitglied der VVN. Die Adenauer Regierung ließ gleich ab 1950 eine Hetze auf Linke und die KPD Mitglieder freien Lauf. Die Freie Deutsche Jugend wurde verboten. Die VVN sollte verboten werden. Der Antrag scheiterte kläglich, weil in der Verhandlung ein VVN Landessekretär August Baumgarte der selbst jahrelang Insasse eines KZ war, dem Vorsitzenden Richter Fritz Werner des Bundesverwaltungsgerichts ( er war ab 1933 NSDAP Mitglied und hoher SA-Führer) in öffentlicher Sitzung seine NSDAP und SA Mitgliedsnummer entgegen schleuderte. Es wurde von der VVN ein Befangenheitsantrag gestellt. Die Kammer zog sich zur Beratung zurück. Das Verfahren wurde nie mehr eröffnet und über den Befangenheitsantrag nie entschieden. Somit wurde die VVN nicht verboten.
Die KPD wurde verboten. Die Adenauer Regierung übte auf die Richter Druck aus. Es kam zu urteilen, die nicht nachzuvollziehen sind. So wurde das KPD Mitglied Herbert Wilns aus Hagen, zu 7 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er angeblich das Lied der FDJ gepfiffen haben soll.
Auch nur am Rande angemerkt, die Verfahrensakten gegen die KPD wurden dann für 30 Jahre für die Öffentlichkeit und die Forschung gesperrt. Die KPD wurde am 17. August 1956 verboten. Das Vermögen von ca. 4,5 Millionen DM eingezogen und ca. 200 Parteibüros sofort geschlossen. Alle KPD Mitarbeiter verhaftet.
Der unabhängige Historiker Josef Foschepoth, Freiburg durfte dann die Akten im Jahre 2017 auswerten. Er kam zu dem Ergebnis, die KPD hätte nicht verboten werden dürfen. Es ging damals nicht alles mit rechtsstaatlichen Mitteln zu.
1956 wurde Grete Kusber mit der Ehrennadel der KPD ausgezeichnet.

Die Enthüllung der Gedenktafel mit (vlnr) Vera Kusber, Sahin Aydin, Bürgermeister Rainer Doetkotte, Ortwin Bickhove-Swiderski.

Im Jahre 1968 gründete sich die DKP als Nachfolgerin der KPD. Grete war sofort dabei und übernahm in der DKP wichtige Funktionen. Und wieder wurden mit dem sog. Radikalenerlass die DKP Mitglieder verfolgt. Ca. 3.000 Mitglieder der DKP die ja nicht verboten ist, wurden Opfer der Berufsverbote. Sie wurden aus dem öffentlichen Dienst entfernt. Begründung, sie, die DKP Mitglieder könnten keine Gewähr für die freiheitliche demokratische Grundordnung gewährleisten.
Selbst vor wenigen Tagen ging die Hetze gegen die DKP weiter, der Bundeswahlleiter wollte die DKP nicht zu den BT-Wahlen zulassen. Begründung, die Rechenschaftsberichte seien durch die DKP zu spät eingereicht worden.
Die DKP konnte am Bundesverfassungsgericht die Teilnahme an den BT-Wahlen durchsetzen.
Wer Mitglied der DKP war, musste natürlich auch die DDR verteidigen. Heute wird pauschal ausgeführt, die DDR war ein Unrechtsstaat.
Wirklich ein Unrechtsstaat, wenn die Miete für drei und mehr Zimmer bei 40 DDR-Mark warm gelegen hat. Keine Arbeitslosigkeit, also Vollbeschäftigung. Der entscheidende Punkt, war und ist aber die Enteignung der Produktionsmittel. Also keine Kapitalisten die Menschen ausbeuten. Und noch ein wichtiger Punkt, der Kopf- und der Handarbeiter bekamen 1.200 DDR-Mark.
Also eine Anerkennung der jeweiligen Leistung. Im Kapitalismus unvorstellbar. Ein west-deutscher Oberarzt soll jetzt das gleiche Entgelt bekommen wie der Straßenbauer? Die Frage ist, wer bewertet welche Tätigkeit mit welchem Entgelt.
Wenn diese oder andere Gründe für die DDR vorgetragen wurden, kam oft als Reaktion des Gegenüber – dann hau doch ab nach drüben!
Stolpersteine sind für die Familie Kusber verlegt worden. Zu den Stolpersteinen gibt es auch einige Anmerkungen zu machen. Gunther Demning aus Köln betrachtete seine Stolpersteine als ein Kunstopjekt. Kunst wird in der BRD mit 7 % MWST belegt. Im Düsseldorfer Finanzministerium kamen aber zwei Finanzbeamte nach einer Prüfungszeit von vier Jahren zu diesem Ergebnis.
Da die Steine mit einem billigen Messingblech überzogen sind, ist es als Ware anzusehen. Der andere Finanzbeamte wartete mit diesem Vorschlag auf, da ja der Stolperstein aus dem Boden genommen wird, ist es eine Bautätigkeit und diese muss mit 19 % besteuert werden. Bei 32.000 verlegten Stolpersteinen wurde schnell noch die Differenz von 7 zu 19 % MWST errechnet und Gunther Demning eine Nachzahlung von einigen hunderttausend Euro per Steuerbescheid zugeschickt.
Dem damaligen NRW Finanzminister Norbert Walter Borjans (SPD) wurde es dann zu bunt, er stoppte persönlich die übereifrigen Finanzbeamten seines Hauses. Heute werden die Stolpersteine weiter mit 7 % besteuert. Ein Stolperstein kostet heute ca. 135 Euro.
Der künstlerische Ansatz des Künstlers Demning war aber dieser. Wenn du vor dem Stolperstein stehst, beugst du dich nach vorne, um den Namen des Verfolgten, des Widerstandskämpfers des ermordeten zu lesen. Damit verbeugst du dich vor ihm.
Die stellv. Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland Scharlotte Knobloch sieht es völlig anders. Es wird auf den Stolperstein getreten, der Stolperstein wird beschmutzt oder mit Farbe beschmiert.
Damit wird so aus ihrer Sicht, der Verfolgte, der Widerstandskämpfer oder der ermordete noch einmal verunglimpft. Sie hat in München politisch durchsetzen können, dass dort bis heute kein Stolperstein verlegt worden ist.
Wir begehen aber heute die Einweihung und Eröffnung des Grete Kusper Platzes. Somit wird uns Grete immer Mahnung und Ansporn zugleich sein.
Grete verstarb am 31.10.1987 in Gronau, die Beerdigung erfolgte am 4. November auf dem neuen evangelischen Friedhof an der Gildehausstraße.

Grete wird somit in unseren Herzen und Köpfen als politisches Vorbild mit einem aufrechten Gang weiterleben.
An dieser Stelle möchte ich die Tochter von Grete Kusper, Frau Vera Kusber herzlich begrüßen.
Sie mögen jetzt bei meinen Vortrag gedacht haben, was erzählt der Kollege aus Dülmen da so alles über meine Mutter.
Ich möchte meinen kleinen Vortrag mit einem Hinweis auf die Archivarbeit beenden. Das Stadtarchiv in jeder Stadt ist das Gedächtnis der Stadt. Wir konnten nur mit Hilfe des Stadtarchivs und hier herzlichen Dank an den Stadtarchivar Herrn Lippert der dieses zusammentragen hat.
Die Geschichte der KPD in Gronau ist noch nicht geschrieben. Hier wohnte auch der damalige KPD Parteisekretär Rudolf Frey.
Aber auch die Gründungsgeschichte der Gronauer SPD muss überprüft werden. Hugo Bork der hier zu den Gründern und Unterstützern der SPD gehörte, war in Wolfsburg der Betriebsratsvorsitzende bei VW. Die Familie Bork war immer mit der SPD in Gronau verbunden. Er vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Hugo Bork Mitglied der NSDAP war. Er wurde mit den höchsten Orden dieser Republik geehrt und Straßen und Plätze wurden in Wolfsburg nach ihm benannt.
Wir möchten die Schulen und die politischen Parteien auffordern die NS Zeit in Gronau aufzuarbeiten. Die damaligen Täter sollen beim Namen genannt werden.
Wir sagen immer, nur wer die Vergangenheit kennt – kann die Zukunft gestalten.
Hier ist aus dem Archiv der VVN ein Antrag auf Entschädigung von Grete Kusbar erhalten geblieben.
Dort steht, die Täter sind nicht bekannt.
Die heutigen politischen Täter und politischen Brandstifter sind aber bekannt, sie heißen Höcke, Gauland, Weigel usw. usf. auch ihre Partei ist bekannt, die sammeln sich in der AfD. Höcke darf man sogar nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Meiningen einen Faschisten nennen.
Höcke war bevor er ein Landtagsmandat bekam, Lehrer für Politik an einem Gymnasium. Der Staat unternahm nichts, Herr Höcke war somit immer auf dem Boden der freiheitlichen Grundordnung angesiedelt. War er das wirklich?
Leider war auch hier der Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind. Wir fordern ein, dem Faschisten Höcke seine Pensionsansprüche sofort zu streichen, weiter muss er sofort aus dem Staatsdienst entlassen werden. Bei Beamten gibt es ein Disziplinarrecht, dieses Disziplinarverfahren muss gegen Höcke durchgeführt werden.
Uns ist völlig neu, dass Faschisten die Garanten für den Rechtsstaat sind.
Uns ist völlig neu, das Faschisten eine Gewähr für den Rechtsstaat sind.
Auch nur angemerkt, gegen einen Landtagsabgeordneten kann kein Disziplinarverfahren durchgeführt werden. Somit wurden die Anträge gegen Höcke tätig zu werden abgelehnt.
Wir sollten gemeinsam als Demokraten gegen die AfD Stellung beziehen. Im Parlament aber auch im Betrieb in der Verwaltung und im persönlichen Gespräch.
Wir sollten gemeinsam im Sinne von Grete Kusbar tätig bleiben.
Wir möchten uns bei allen bedanken, die zum Gelingen dieser Festveranstaltung beigetragen haben.
Besonders möchten wir uns bei dem Kurdisch-Deutschen Freundschaftskreis e.V. bedanken, stellv. für alle Aktivisten sei Kollege Sahin Aydin erwähnt.
Nie wieder Faschismus – nie wieder Krieg.
Danke und Glück auf.

Anmerkung
Die Darstellung zu Grete Kusber beruht auf die Recherche und Veröffentlichung von Şahin Aydın:
Şahin Aydın: Eine Familie – ein Kampf für die Menschlichkeit … gegen Faschismus und Krieg. Politische Biografien, Gronau/Westfalen 2015 (Link)