Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945 – Am Beispiel der Fa. Bauer & Schaurte (Neuss)

17. Januar 2019

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Eine Gruppe von Rechercheuren aus der VVN-BdA in Neuss hat die Tätigkeit der Neusser Firma Bauer & Schaurte in NS-Zeit und Krieg analysiert. Dies war zeitweilig größter Schraubenproduzent der Welt. Im Betrieb wurden schon früh hunderte Arbeiter in einen betriebseigenen SA-Sturm gezogen. Tausende Zwangsarbeiter wurden im Krieg ausgebeutet, sie litten unter Hunger und zahlreiche starben im Bombenhagel, dem sie schutzlos ausgeliefert waren. Die Firma profitierte von ihrer Arbeit und ihrem Leid.

Firmengeschichte und „Verstrickung“ in den NS

Die Firma Bauer & Schaurte wurde am 1. Juli 1876 vom Sauerländer Christian Schaurte und dem Kölner Georg Bauer in Neuss als Rheinische Schrauben- und Mutternfabrik gegründet. Die Fabrik wurde ab dem 17. Januar 1917 vom Sohn des Firmengründers, Werner Theodor Schaurte, weitergeführt. Werner Theodor Schaurte (geb. am 22. Mai 1893 in Düsseldorf; gest. am 25. Juni 1978 in Neuss) war NSDAP-Mitglied, SA-Mitglied und mit Hermann Göring befreundet. Werner T. Schaurte war außerdem Mitglied im Deutschen Herrenclub. Im Jahr der Übernahme der Geschäfte seines Vaters heiratete er Charlotte Staudt (gest. 1972). Aus dieser Ehe ging ihr Sohn Christian W. Schaurte (*1918) hervor, der später gleichfalls in die Firma eintrat.1

Die faschistische Gesinnung des Firmenleiters Werner T. Schaurte trat schon bald nach der Machtübertragung anlässlich der Maifeiern, die die neuen Machthaber auch in Neuss in ihrem Sinne umgedeutet und propagandistisch in Szene gesetzt hatten, öffentlich zu Tage. So berichtet die Neuß-Grevenbroicher-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 2. Mai 1933, dass sich die Fa. Bauer & Schaurte neben anderen Neusser Betrieben mit zahlreichen Belegschaftsangehörigen an den öffentlichen Maifeiern beteiligt habe, wobei in dem Artikel der werkseigene SA-Sturm unter persönlicher Führung von Werner T. Schaurte als beispielgebend hervorgehoben wurde.2
In der betrieblichen Produktionsstätte der Neusser Schraubenfabrik fand am 1. Mai 1933 im Anschluss an die offizielle Feier ein firmeneigener Festakt statt, bei dem ca. 800 Belegschaftsmitglieder zugegen waren und der in wesentlichen Teilen von der NSBO und dem betriebsinternen NSBO-Führers Paul Stenz geprägt worden ist. Nach einer Rede von Paul Stenz ließ es sich auch Werksleiter Werner T. Schaurte nicht nehmen, eine Ansprache an seine Belegschaft zu halten, worin er die rückhaltlose Unterstützung der Regierung Hitler und von Papen beschwor.3 Die Neuß-Grevenbroicher Zeitung kommentierte die Rede des Unternehmers folgendermaßen:
„Als besonderes Zeichen des Gemeinschaftsgeistes im Betrieb feierte Herr Schaurte die Tatsache, daß 115 Mann der Belegschaft sich zu einem SA-Sturm zusammengeschlossen haben, der am Morgen… zum ersten Mal geschlossen aufmarschiert sei. Wie im Betrieb bei der Arbeit Disziplin, Ordnung und Qualität maßgebend seien, so wolle auch der SA-Sturm den Gemeinschaftsgeist nach außen hin sichtbar zum Ausdruck bringen.“ 4

Die Verbundenheit der Firmenleitung zur NS-Regierung zeigte sich darüber hinaus in einer Ankündigung zur Fahnenweihe der Standarte des werkseigenen SA-Sturms in der NGZ zum 27.5.1933 durch Hitler persönlich sowie durch den Besuch Schaurtes bei der Ausstellung “Schaffendes Volk“ 1936 in Düsseldorf, die er in Begleitung von Hermann Göring besuchte.5

In der Zeit zwischen 1939 und 1945 zählte das Werk als “kriegswichtiger Betrieb“ bis zu 3.000 Beschäftigte, einschließlich der Standorte in den besetzten und annektierten Gebieten über 10.000. Darunter waren tausende ZwangsarbeiterInnen.6
Das Neusser Werk, welches bereits im Frühjahr 1937 als geschützter Rüstungsbetrieb galt, produzierte u. a. Spezialschrauben für Flugzeuge und Tanks.7
Vor Kriegsbeginn beschäftigte der seinerzeit weltweit größte Schraubenproduzent ca. 2.500 MitarbeiterInnen. Für den Flugzeug- und Panzerbau war das Neusser Unternehmen von erheblicher Bedeutung.8

Die Tätigkeit für die Rüstungsproduktion spiegelte sich auch im außerbetrieblichen Engagement ihres Besitzers Werner T. Schaurte. So bekleidete der überzeugte Nationalsozialist den Vorsitz des Handelsschraubensyndikates, das Amt des Reichsobmannes des Sonderrings Schrauben, den Vorsitz der Handelskammer Neuss-Grevenbroich sowie das Amt des Bezirksobmannes des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition.9
Wie sehr das Unternehmen von der Rüstungsproduktion profitierte, zeigt sich auch daran, dass es im Jahre 1933 eine halbe Million Reichsmark an Steuern abführte, während der Kriegsjahre jedoch sieben Millionen RM an Steuern zahlte.10
1937 fiel Werner T. Schaurte aufgrund patentrechtlicher und wettbewerbsrechtlicher Auseinandersetzungen mit einer Berliner Firma bei den NS-Machthabern kurzfristig in Ungnade, was seinen Austritt aus der NSDAP und die Auflösung seines SA-Sturmes zur Folge hatte.11
Dieser Umstand hat der Karriere des Neusser Unternehmers während der Kriegszeit keinen Abbruch getan. Nachdem Werner T. Schaurte 1939 zum Kriegsausbruch in Kanada zur Großwildjagt weilte, als sogenannter „feindlicher Ausländer“ interniert und anschließend in einem britischen Internierungslager auf der Isle of Man festgehalten worden war, kam er 1942 wieder nach Neuss – wahrscheinlich im Austausch gegen einen britischen General.12 Danach avancierte er zum Vorsitzenden des Handelsschraubensyndikats, zum Reichsobmann des Sonderrings Schrauben, zum Vorsitzenden der Handelskammer Neuss Grevenbroich und zum Bezirksobmann des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition. Er war auf dem Höhepunkt seiner Karriere. 13

Zwangsarbeit bei Bauer & Schaurte in Neuss

Die Rheinische Schraubenfabrik Bauer & Schaurte hat als zweitgrößter Arbeitgeber in der Zeit des Zweiten Weltkrieges erheblich vom Einsatz von ZwangsarbeiterInnen profitiert. Hier wurden seit spätestens Herbst 1941 verschiedene Gruppen ausländischer ZivilarbeiterInnen und Kriegsgefangener eingesetzt, wobei auch hier mit durchschnittlich 250-500 Personen die größte Gruppe die der OstarbeiterInnen war. Zum Kriegsende wurden hier mit 800 Personen ebenso viele Zwangsarbeiter befreit wie bei dem größten Arbeitgeber in Neuss, der International Harvester Company (IHC).14
Bei Bauer & Schaurte wurde nach der International Harvester Company (IHC) das zweitgrößte Zwangsarbeiterkontingent in der Stadt Neuss eingesetzt.15
Während des Zweiten Weltkrieges sind bei B&S in Neuss alleine rund 2.000 ZwangsarbeiterInnen eingesetzt worden.16

Die Firma betrieb in Neuss insgesamt drei Zwangsarbeiterlager (Further Straße 24-26, Marienstraße 79 und Weißenberger Weg 4), in welchen bis zu 800 Personen zusammengepfercht waren.17
Das Lager auf der Further Straße 24-26 befand sich seit 1941 auf dem Werksgelände, wo zunächst 58 flämische Zivilarbeiterinnen untergebracht waren. 1942 ist dieses Lager höchstwahrscheinlich ausgebaut worden. Ab August 1942 wurden hier belgische, niederländische, tschechische und polnische Zivilarbeiter untergebracht.18
Das Lager auf dem Weißenberger Weg 4 wurde etwa Ende 1942/Anfang 1943 direkt neben dem Werksgelände errichtet. Hier waren fast ausschließlich sogenannte Ostarbeiter, aber auch vereinzelt polnische Zivilarbeiter interniert. Das Lager bestand aus 4 – 6 Holzbaracken und wurde von einem werkseigenen Lagerführer und zivilen Wachleuten, die gleichfalls dem Firmenpersonal angehörten, bewacht. In diesem Lager waren bis 1945 zwischen 250 und 500 Personen untergebracht.19
Das Lager auf der Marienstraße 79 ist im Februar 1943 als drittes Neusser Lager der Fa. Bauer und Schaurte errichtet worden. Dort waren bis zu 10 Nationalitäten (vor allem männliche belgische, niederländische, französische, italienische, tschechische, polnische, sowjetische, kroatische und jugoslawische Zivilarbeiter) interniert, bis 1945 durchschnittlich 800 Personen.20

Im Frühjahr 1942 – zum Beginn der Rekrutierung sogenannter Ostarbeiter – wurden die ersten Ostarbeiter (ZwangsarbeiterInnen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion) aus Durchgangslagern in der Umgebung (z. B. Wuppertal-Varresbeck) auch nach Neuss transportiert und neben anderen Neusser Firmen bei der Fa. Bauer & Schaurte eingesetzt.21

Zweigwerke des Neusser Unternehmens und der Einsatz von ZwangsarbeitInnen

1938 hatte das Neusser Unternehmen in Schwarzbek22 an der Grabauer Straße eine Schraubenfabrik mit mehreren Produktionshallen gebaut. Dieses neue Werk mit über 1000 deutschen Beschäftigten war mit finanzieller Unterstützung durch ein Tochterunternehmen des Reichsluftfahrtministeriums errichtet worden. Dadurch wird deutlich, dass diese Werksgründung ganz im Zeichen der Aufrüstung und wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung des faschistischen Deutschlands stand.23
Zwischen 1939 und 1945 arbeiteten dort bis zu 2.000 Zwangsarbeiter verschiedener Nationalitäten, welche in einem Lager diesseits und jenseits der Grabauer Straße untergebracht waren. Das Lager an der Grabauer Straße setzte sich aus 10 Baracken und 11 Steinhäusern zusammen.24
In diesem Lager waren Zwangsarbeiter aus 15 Nationen interniert. Im Jahre 1943 sind aufgrund des sich verschärfenden Bombenkrieges wahrscheinlich russische und ukrainische Zwangsarbeiter aus dem Neusser Lager am Weißenberger Weg 4 in dieses Lager transportiert worden.25

Die Rheinische Schraubenfabrik unterhielt zudem seit 1942 ein Zweigwerk in Metz im annektierten Elsaß-Lothringen, welches sie mit der Hobus GmbH betrieb.26 Höchstwahrscheinlich hatte die Neusser Firma im Verlauf des Krieges auch Produktionskapazitäten in die geheimen unterirdischen Rüstungsprojekte für den Flugzeugbau im Harz verlegt.27

Insgesamt unterhielt das Unternehmen an mindestens 3 weiteren Standorten Zivilarbeiterlager:
• Hamburg-Wandsbek, Neumann-Reichhardt-Straße 29, keine Angaben zu Zahl eigesetzter ZivilarbeiterInnen.
• Mönchen-Gladbach, Krefelder Straße, 70 ZivilarbeiterInnen.
• Oedt, Fabrikstraße, 125 ZivilarbeiterInnen.28

Einige Aspekte der Behandlung der ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen bei Bauer & Schaurte

Bei der Beschäftigung ausländischer Arbeiter achtete das Unternehmen offensichtlich darauf, die Kriterien der NS-Rassenpolitik auch innerhalb der Fabrikmauern einzuhalten.

So meldete die Firma im Jahre 1941 drei Arbeiterinnen und einen Arbeiter (alle zwischen 16 und 18 Jahren alt) wegen verbotenen Umgangs zu französischen Kriegsgefangenen bei der Polizei. Aufgrund ihres jugendlichen Alters wurden zwei Arbeiterinnen zu einmonatigen bzw. einwöchigem Jugendarrest verurteilt, die beiden französischen Kriegsgefangenen wurden aus dem Betrieb entfernt. Ihr weiteres Schicksal ist nicht dokumentiert. Zu einem ähnlichen Fall kam es am 14. August 1941, als die Arbeiterin Margarethe W. aufgrund einer Meldung der Firma verhaftet wurde. Ihr Vergehen bestand ebenfalls in unerlaubtem Umgang mit einem französischen Arbeiter namens Raimon M. Margarethe W. wurde in der Folge vom Amtsgericht Düsseldorf zu drei Monaten Haft verurteilt. Das Schicksal des Raimont M. bleibt ungewiss. Solidaritätsbekundungen in der Form der Gabe von Lebensmitteln an ausländische Arbeiter wurden von Seiten des Betriebes zur Anzeige gebracht und in der Folge scharf geahndet.29

Bauer & Schaurte setzte schon im Jahre 1942 bei der Ernährung der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen auf das unmenschliche Prinzip der „Leistungsernährung“, wonach die Verpflegungsrationen der ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen an deren individuelle Arbeitsleistung gekoppelt wurden. Für die Betroffenen bedeutete dieses Prinzip, dass sie noch stärker den Gefahren von Hunger und Auszehrung ausgesetzt waren. Außerdem wurden die Kürzungen der Essensrationen auch auf die Personen ausgedehnt, die mit den angeblich „Leistungsunwilligen“ in einer Einheit zusammenarbeiteten. Bei der Anwendung dieses unmenschlichen Prinzips scheint die Neusser Firma eine gewisse Vorreiterrolle gespielt haben, war sie doch in einem Bericht der Düsseldorfer Industrieabteilung im Jahre 1942 an die Reichsgruppe Industrie in dieser Hinsicht ausdrücklich gelobt worden.30

Wie die meisten ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangenen in Neuss waren diese auch bei der Firma Bauer & Schaurte den Gefahren ausgesetzt, die für sie von den alliierten Luftangriffen ausgingen und denen sie in der Regel schutzlos ausgesetzt worden sind. So kamen allein bei einem Angriff am 22. Oktober 1944 65 überwiegend osteuropäischen Arbeitskräfte ums Leben. Bei diesem Angriff war neben zwei weiteren großen Lagern die Zwangsarbeiterlager der Schraubenfabrik am Weißenberger Weg sowie auf der Marienstraße getroffen worden.31